Hochsaison für Infektionen hat begonnen, Eltern in der Verantwortung

Dr. Sabine Klinke-Rehbein/Foto: UvK/Ennepe-Ruhr-Kreis

In den Monaten Oktober bis März haben Magen-Darm-Infektionen Hochsaison. Viele Menschen leiden unter schwallartigem heftigen Erbrechen und starken Durchfällen.

Der letzte Winter machte hier keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil. Der Fachbereich Soziales und Gesundheit der Kreisverwaltung verzeichnete im Vergleich zu den Vorjahren ein deutliches Plus an Erkrankungen.

Im Interview blickt Amtsärztin Dr. Sabine Klinke-Rehbein auf die Infektionssaison 2016/17 zurück. Gleichzeitig geht sie auf die Herausforderungen ein, die die hochansteckenden Infektionen für Gemeinschaftseinrichtungen mit sich bringen.

pen: In den Herbst- und Wintermonaten häufen sich Magen-Darm-Infektionen erfahrungsgemäß. Wodurch werden sie hervorgerufen, welche Altersgruppen erkranken besonders häufig?

Klinke-Rehbein: Die Noroviren spielen hier eine Hauptrolle. Sie sind für jede dritte nicht bakteriell bedingte Magen-Darm-Infektion bei Kindern und für jede zweite bei Erwachsenen verantwortlich. Betroffen sind insbesondere Kinder unter 5 Jahren und Personen über 70. Dies erklärt auch, warum Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindertagestätten sowie Alten- und Pflegeeinrichtungen besonders häufig vorkommen.

Zahl der betroffenen Kindertagesstätten verdoppelte sich

pen: In der Infektionssaison 2016/17 sogar noch deutlich häufiger als gewohnt. Warum?

Klinke-Rehbein: Diese Entwicklung wird auf einen neuen Norovirus-Typ zurückgeführt. Er war dafür verantwortlich, dass das Robert-Koch-Institut bereits im November 2016 bundesweit fast 15.000 Norovirus-Erkrankungen per Laborbefund bestätigt hatte. Dies bedeutete im Vergleich zu den Durchschnitts-November-Werten der Jahre 2010 bis 2015 ein Plus von 7.000 Fällen.

pen: Wie hat sich das auf den Ennepe-Ruhr-Kreis ausgewirkt?

Klinke-Rehbein: Für die Zeit von Oktober 2016 bis Anfang September 2017 haben wir fast 100 Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche in den Akten. Im Vorjahreszeitraum waren es 57 gewesen. Wir reden also über eine Verdoppelung.

Nicht nur die Toiletten stehen im Falle des Falles im Fokus

pen: Was unternehmen die Experten der Kreisverwaltung, wenn ihnen Fälle aus einer Einrichtung gemeldet werden?

Klinke-Rehbein: Wir warten gar nicht, bis sich die Einrichtungen bei uns melden. Bereits im August und damit weit vor Beginn der Infektionssaison haben wir alle Kindertageseinrichtungen und Schulen angeschrieben und umfassend informiert. Sie wissen jetzt, was im Falle des Falles zu machen und was zu unterlassen ist, welche Schutzkleidung und Materialien sie vorrätig haben sollten.

pen: Und wenn der Virus dann doch in einer Einrichtung grassiert?

Klinke-Rehbein: In diesen Fällen gilt es, die von einzelnen Erkrankten ausgelöste Infektionskette schnellstmöglich zu unterbrechen. Hier arbeiten wir eng mit den Einrichtungen zusammen und erteilen Arbeitsaufträge. Im Fokus stehen natürlich die Toiletten. Wichtig sind aber auch der ´richtige´ Umgang mit Erbrochenem und ein sachgerechtes Desinfizieren von Böden, Türklinken und Tischen. Werden hier Fehler gemacht, kann es sehr leicht zu Übertragungen und damit zu weiteren Krankheitsfällen kommen.

Schließen von Einrichtungen ist das letzte Mittel

pen: Welche Rolle kommt den Eltern zu?

Klinke-Rehbein: Eine ganz entscheidende. Wer seine Kinder nach einer Magen-Darm-Infektion wieder zu früh in die Einrichtung schickt, löst nicht selten eine neue Welle aus. Im Klartext: Erst 48 Stunden nach dem Abklingen der letzten Symptome sollten die Betroffenen sich wieder auf den Weg machen. Noch deutlicher: Wer abends gebrochen hat, hat morgens nichts in Kindertagesstätte oder Schule verloren.

pen: Die letzte Wahl ist es, Einrichtungen vorübergehend zu schließen.

Klinke-Rehbein: Richtig. Die Entscheidung, dies zu machen, hängt dabei nicht allein von der Zahl der Erkrankten ab. Ausschlaggebend sind verschiedenste Aspekte. Dazu zählen Beginn und zeitlicher Verlauf der Krankheitsfälle, örtliche Gegebenheiten wie Sanitäreinrichtungen oder die Frage, ob nur eine Gruppe oder Klasse oder Kinder der gesamten Einrichtung betroffen sind.