Kultur

Das kulturelle Leben ist durch die Vielfalt der Angebote in den neun Städten und in besonderem Maße durch die hier im kulturellen Leben aktiven Gruppen, Vereine und Verbände geprägt. Sie alle tragen durch unterschiedliche Aktionen und Veranstaltungen zur Belebung der Kultur an Ennepe und Ruhr bei. Die Kultur findet aber quasi auch im  „Licht“ und „Schatten“ der Großstädte der Metropole Ruhr statt.

Bis zum Museum Folkwang in Essen sind es gerade einmal 40 Minuten, das Schauspielhaus in Bochum ist in 35 Minuten erreicht und um zu Pina Bausch und ihrem Tanztheater in Wuppertal zu kommen, kann man eigentlich die Schwebebahn nutzen, schnell erreichbar sind auch alle Spielstätten der RuhrTriennale und des Klavier-Festivals Ruhr, das Konzerthaus in Dortmund, die Oper in Köln, das Kom(m)ödchen in Düsseldorf oder die Auftritte des Philharmonischen Orchesters in Hagen - wenn es um den Besuch von kulturell hochwertigen Angeboten geht, können die Bürger im Ennepe-Ruhr-Kreis quasi jeden Tag ein anderes Ziel ansteuern.

Doch es ist nicht nur die Nähe zu den Großstädten, die den Kulturfans zwischen Hattingen und Breckerfeld, Wetter und Schwelm, Sprockhövel und Witten das Herz höher schlagen lässt. Auch jenseits der „kreativen Treibhäuser der Metropolen“, die traditionell im Rampenlicht des überregionalen und regionalen Feuilleton stehen, gibt es für aufmerksame Beobachter innerhalb der Kreisgrenzen jede Menge zu entdecken. Klein, aber in jedem Fall fein.

Die Kulturpolitik in Kreisen, die wie der Ennepe-Ruhr-Kreis von Großstädten umgeben sind, ist dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, Nischen zu entdecken, zu besetzen und so Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln. Wenn es gelingt, Tradition zu veredeln. Wenn es gelingt, die kulturelle Bildung und die Laienkultur zu sichern. Wer genau hinsieht, kann entdecken, dass die Städte und der Kreis an Ennepe und Ruhr hier auf einem guten Weg sind. Der Kreis, selbst kaum Träger von Kultureinrichtungen und selten Ausrichter von kulturellen Veranstaltungen, unterstützt dabei die Aktivitäten der Städte und moderiert und koordiniert dort, wo mehrere Städte an Projekten beteiligt sind. Beispiele hierfür sind die Ideen für das Kulturhauptstadtjahr 2010 oder die Pläne für ein Kreisjugendorchester. Außerdem hilft der Kreis bei der Suche nach Erfolg versprechenden Nischen.

Ein Beispiel dafür ist Hattingen. Seit 2004 gilt die Stadt an der Ruhr bundesweit als Heimstadt des Aphorismus, denn dort treffen sich seither regelmäßig deutschsprachige Aphoristiker. Zweieinhalb Tage absolvieren die Sprachakrobaten ein anspruchsvolles Programm, lauschen Vorträgen und diskutieren Thesen. Außerdem geben die Literaten selbstverständlich ihre geistreich und knapp formulierte Gedanken, die eine Lebensweisheit vermitteln, zum Besten, 2006 wurde in Hattingen das erste „Deutsche Aphorismus-Archiv“ eröffnet. Es besteht aus der Bibliothek, dem Archiv und dem Internetarchiv. Ziel ist es, den Aphorismus, vorzugsweise den deutschsprachigen und seine Nachbargattungen zu sammeln und zu erforschen. Mit der dritten Auflage des Treffens in diesem Jahr ist es endgültig gelungen, die Aphoristiker aus dem Schattendasein ans Licht zu führen. In Hattingen haben sie eine viel beachtete Plattform gefunden, sie schreiben längst nicht mehr im Verborgenen. Dass das Aphoristikertreffen keine geschlossene Veranstaltung ist, belegen das umfangreiche Begleitprogramm und Freiluftaktionen, die Aphorismen und Feuerwerk, Musik und gewürzte Denkweite verbinden, sowie Lesungen von Autoren an weiterführenden Schulen im Ennepe-Ruhr-Kreis. Allein in diesem Jahr konnten zu der Fachtagung, die unter dem Motto „Witz - Bild - Sinn: Facetten des Aphorismus" stand, 40 Experten aus Deutschland und seinen Nachbarländern sowie 500 Zuhörer begrüßt werden.

Auch die Wittener Tage für neue Kammermusik sind ein erfolgreiches Nischenprodukt. 1936 wurde die Veranstaltung vom Komponisten Robert Ruthenfranz gegründet. Seit 40 Jahren wird sie  vom WDR unterstützt. Längst strahlt sie weit über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus und gilt als bedeutendes Festival für Gegenwartsmusik. An drei Tagen im Frühling präsentieren international renommierte Musiker neue Ton- und Klangschöpfungen der wichtigsten Komponisten. Offenheit für die Strömungen in Grenzbereiche hat Priorität für das Festival, das zum wichtigen Treffpunkt für die musikalische Avantgarde aus Ost und West avancierte. Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt haben für Witten gearbeitet, etliche Werke gingen nach ihrer Premiere im Ennepe-Ruhr-Kreis buchstäblich um die Welt. Witten war und ist damit ein Fenster und Forum für neueste Trends der Kammermusik. Hochrangige Stammgäste sind beispielsweise das Arditti String Quartet, das Klangforum Wien und das ensemble recherche.

Auf große Resonanz stößt auch das Festival Kemnade International, es gilt als das älteste und traditionsreichste Festival der Weltkulturen in Nordrhein-Westfalen. Die Veranstalter - zu denen neben den Städten Bochum und Hattingen auch der Ennepe-Ruhr-Kreis zählt - bieten den Fans der Weltmusik dabei an drei Tagen auf der Wasserburg Haus Kemnade in Hattingen ein opulentes Open-Air-Programm mit Live-Musik, Ausstellungen, Lesungen und Performances aus zahlreichen Ländern. Der breite musikalische Bogen wird stets von mehr als 60 Gruppen und Einzelkünstlern gespannt. Das Festival hat über drei Jahrzehnte die kulturelle und sozialpolitische Entwicklung begleitet und sein Musikprogramm aus der folkloristischen Tradition der 1970er Jahre zu einem Forum für klassische Musik und Volksmusik anderer Kulturkreise sowie für zeitgenössische Weltmusik weiter qualifiziert. Mit der Verpflichtung von international renommierten Künstlern hat Kemnade International in den letzten Jahren einen anerkannten Platz in der internationalen Festivallandschaft erworben. Von Beginn an war die Partizipation örtlicher und regionaler Künstler mit Migrationshintergrund ein wichtiger Bestandteil des Konzepts.

Viel beachtete Veranstaltungen sind das eine - sehenswerte Museen und Gebäude das andere. Dank der gelben Banane, die der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel auf die Hauswand des Hattinger Stadtmuseums in Blankenstein gesprüht hat, steht das Haus in eine Reihe mit dem Centre Pompidou in Paris und dem Guggenheim-Museum in New York. Seit 1986 hat Baumgärtel weltweit mehr als 4.000 Häuser mit dem Spraybild der berühmten Südfrucht gekennzeichnet. Anfangs umstritten, gilt das Symbol heute unter Architekten, Museumsleitern und Galeristen durchaus als Auszeichnung und wird als praktizierte Kunstaktion verstanden.

In Hattingen wurde ein Museum ausgewählt, das Geschichte, Kunst und Kultur unter einem Dach bietet. Seit 2001 ist es in den alten Amtshäusern in Blankenstein zu Hause. Hinter eleganten Sandsteinfassaden informiert eine Dauerausstellung über die Geschichte der Stadt und ihrer Region. Besucher erleben sie durch ein begehbares Geschichtsbuch sowie großformatige Themenbücher, die in Text und Bild Vergangenes dokumentieren und zum Blättern und Stöbern einladen. Neben der Dauerausstellung bietet das Museum auch ständig wechselnde Präsentationen, für bundesweites Interesse sorgte beispielsweise eine Bauhausausstellung.

Immer wieder sind auch Fachleute über die kulturelle Breite und Fülle, die an Ennepe und Ruhr zu finden ist, überrascht.

Da ist die kulturelle Tradition, die beispielsweise in klassischen Heimatstuben wie denen in Sprockhövel oder Herdecke und in heimatkundlichen Museen wie in Breckerfeld greifbar wird. Da sind Spezialmuseen wie das Bandwebereimuseum, das ebenfalls in Hattingen zu finden ist und das sich ganz auf die Textilgeschichte spezialisiert hat. Da ist das Haus Martfeld in Schwelm, das neben einigen Kuriosa wie einem Brief Goethes oder der Brieftasche des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock reiche kulturgeschichtliche Bestände bietet. So haben die Besucher Gelegenheit, die Wohnkultur, die bergisch-märkische Möbelkunst sowie die Produkte des Handwerks und der frühen Textilindustrie kennen zu lernen. Da ist das Märkische Museum der Stadt Witten, das mit seiner einzigartigen Sammlung deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts den Bereich der bildenden Kunst abdeckt. Da ist das Henriette-Davidis-Museum in Wetter. Dort wird nicht nur die Welt des 19. Jahrhunderts mit Kochbüchern, Küchen und Kinderkaufläden lebendig, gleichzeitig zeichnet das Museum das Leben der Frau nach, die als berühmteste Köchin und Kochbuchautorin Deutschlands gilt. Da sind die Altstädte in Herdecke, Niedersprockhövel, Schwelm, Wetter und Hattingen, die ebenso wie die Burgen und Herrenhäuser im Ruhrtal wie ein riesiges Freilichtmuseum des Mittelalters wirken. Da sind die ungezählten Chöre, Musikschulen und Orchester, die Theatergruppen, freien Kultureinrichtungen und Tanzgruppen. Vielfalt an jeder Ecke.

Kultur und Industrie sind auch an Ennepe und Ruhr längst zur Industriekultur verschmolzen. Insbesondere die Westfälischen Indusriemuseen Henrichshütte in Hattingen und Zeche Nachtigall in Witten zeigen, dass es nicht immer gleich ein Weltkulturerbe sein muss. In der Henrichshütte wurde 1987 der Hochofen 3, der älteste im Revier, ausgeblasen, 10.000 Arbeitsplätze waren Vergangenheit. Das Gelände mit Hochofen, Besemer Stahlwerk und Gebläsehalle wurde Schritt für Schritt zum Museum. Auf Fotos, in Filmen und Interviews begegnen Museumsgäste heute Menschen, die über ihre Arbeit auf der Hütte berichten. Eine Schaugießerei, Abendführungen und Sonderausstellungen lassen die Blüte und das Sterben der großindustriellen Produktion von Eisen- und Stahl an der Ruhr lebendig werden. Und in Witten, quasi an der Wiege des Bergbaus, können Interessierte zu einem echten Steinkohleflöz vorstoßen. Sie erleben am eigenen Leib und ausgerüstet mit Helm und Grubenlampe die Arbeitsbedingungen im Kohlebergbau vergangener Tage.