Urlaub vor der Haustür: Das Paradies an der Ruhr

Manche stehen Stunden im Stau, um an ihr Urlaubsziel zu kommen. Monika Hellmeier braucht mit dem Auto höchstens fünf Minuten. „Manchmal gehe ich auch mit dem Hund vor“, sagt die Wittenerin. Sie macht Urlaub bei Steger - und Steger ist Kult im Revier, hat viel zu bieten für Camper, Radfahrer, Kanuten, Ruderer, Feinschmecker und Zuhörer.

„Hoffentlich finden sie Steger überhaupt“, hatte Meike Knop von der Tourismus-Förderung des Ennepe-Ruhr-Kreises gesagt, unsere Reiseleiterin zu den Schönheiten vor der Haustür. Man muss einfach dem Navigationsgerät vertrauen. In Witten-Bommern geht es kurz vor oder hinter der Ruhrbrücke - je nach Anfahrt - in die Uferstraße, die immer schmaler wird und dort endet, wo die Welt von Steger beginnt. Neben dem Parkplatz ein Stapel mit Kanus. Der erste Hinweis auf ein Freizeitvergnügen. Dahinter der Biergarten, das Herzstück von Steger.

Platz ist ausgebucht, Dauercamper bleiben

Bei Steger ist die Ruhr am schönsten, der Kartoffelsalat am besten und es gibt eine gekühlte Flasche Bier für einen Euro. Hier ist so mancher mit seiner ersten Liebe ins Ruderboot gestie-gen. Was will man mehr im Urlaub? Steger ist der wohl originellste Campingplatz in Nord-rhein-Westfalen. Die Idylle in Witten ist schon lange nicht mehr in Führern verzeichnet - weil: Wer einmal bei Steger ist, der will nicht mehr weg und deshalb ist der Platz ausgebucht. Der Fernsehproduzent aus Wetter ist genauso dabei wie der Spitzenbeamte oder der Unter-nehmer. Sie erholen sich hier, wo die Welt noch in Ordnung ist: „Ich war beruflich in Japan. Da habe ich gesehen, dass die Menschen dort zehn bis zwölf Stunden arbeiten“, sagt Nils. Und sein Nachbar Uli antwortet: „Ja, was sollen die auch machen. Die haben ja keinen Cam-pingplatz.“

Die Ruhr widerlegt hier in Witten Vorurteil, ein Industriefluss zu sein. Kleine, bewaldete In-seln sind vorgelagert. Die Bäume stehen dicht am Ufer. Morgens gehen die Menschen in Badesachen über die Felder, springen in den Fluss und schwimmen zwei Kilometer zurück zu Steger. „Hier kommen die Menschen hin, die keinen Balkon haben“, sagt Alfred Heydecke. Der 71 Jahre alte Dortmunder ist schon seit 53 Jahren regelmäßig Gast. Damals lebte Oma Steger noch: „Da mussten wir antreten und die Hände vorzeigen, ob sie sauber sind.“ Damals watete man noch mit den Kleidern über den Kopf durch die Ruhr, wenn es beim kühlen Blon-den bei Steger im Biergarten länger gedauert hatte und die letzte Fähre abgefahren war.

„Hier fällt der Stress von einem ab“

Ja früher, früher gab es hier noch nicht so viele Bäume. „Aber dann haben wir gemerkt, dass die Brücke zur Insel auf einmal zu kurz war“, erzählt Alfred Heydecke. Die Strömung der Ruhr hatte die Erde abgetragen. Und so haben sie die Ufer befestigt und Bäume gepflanzt. Vielleicht ein wenig dumm gelaufen für die Rettungsschwimmer des DLRG. Der Blick von ihrem Hochsitz auf die Ruhr ist nicht mehr ganz so frei. Die vorgelagerten Ruhr-Inseln sind auch sonst von Unterhaltungswert. Eine gehört dem Versorger RWE. „Da machen sie Semi-nare und abends Empfänge. Wir sind im Wasser und die schwitzen in ihren dunklen Anzügen und langen Kleidern.“ Wenn die Manager wüssten, welchen Teil zum Abendprogramm sie beitragen.

So ein Manager ist Martin Hoppe. Der 35-jährige Dortmunder ist den Ruhrtal-Radweg ent-lang geradelt. „In einem Buch habe ich gelesen, der Ruhrtalradweg sei die schönste Tour in Deutschland. Ich habe es nicht geglaubt, jetzt bin ich davon überzeugt. Eigentlich wollte ich erst in Essen übernachten, dann habe ich den Campingplatz hier gesehen. Da konnte ich nicht widerstehen. Hier fällt der Stress von einem ab“, sagt er. Für ein Ein-Personen-Zelt hat Steger trotz der Dauercamper immer Platz. Hoppe hat sein Zelt schon aufgebaut. 7,50 Euro zahlt er inklusive Duschmarke dafür. Und: „Am Wochenende komme ich mit meinen Kindern wieder.“

Meike Knop hat es sich inzwischen im Garten der Familie Woike direkt an der Ruhr gemüt-lich gemacht. Mutter Angelika zeigt ihr den Nachwuchs der Entenfamilie. Der Stolz von Papa Klaus sind die Zapfanlage mit zwei Sorten Bier und gleich drei Grills: „Für das Vorgericht, den Hauptgang und den Nachtisch“. Ob das ein Scherz ist? Hier weiß man das nie so genau.

Statt einer gibt es zwei Würste

Über fremde Gäste freuen sich die Dauercamper. „Ist doch klar“, sagt Heydecke, obwohl die meisten Urlauber bei Steger inzwischen aus Witten selbst kommen. Früher, ja früher waren viele aus Bochum dabei. „Jetzt haben wir nur noch Rathaus. Der heißt nicht so, aber der arbei-tet da. Man kann sich ja nicht alle Namen merken.“ Probleme werden gemeinsam gemeistert. Zum Beispiel, als der Wurstfabrikant die 180 Gramm schwere Spezialität des Hauses nicht mehr herstellen wollte. „Da habe ich überall Brühwürstchen eingekauft, sie heiß gemacht und wir haben probiert“, blickt Steeger zurück. Die Wahl der Camper-Gemeinde fiel auf eine Al-ternative, die nur 90 Gramm schwer ist. Davon gibt es jetzt zwei: „Ich musste schließlich auf 180 Gramm kommen, sonst hätte das mit der Speisekarte nicht mehr gestimmt.“ Dazu gibt es den im ganzen Ruhrgebiet bewunderten Kartoffelsalat. Ein Geheimrezept? „Nein“, schüttelt Steger den Kopf, „wir geben jedem das Rezept. Aber den kriegt keiner so hin wie meine Edel-traut.“ Nur sollte man sich eine Portion reservieren lassen. Sonst ist er - so ist es ja immer mit Spezialitäten - weg, wenn der Magen anfängt zu knurren, warnt der 65-Jährige.

Mit der „Yacht“ auf der Ruhr dümpeln

Damit kommen wir zurück zum Campingwagen von Monika Hellmann. Sie lässt abends schon mal ein Pizza-Taxi zu ihrer „Yacht“ kommen. Die hat ihr Mann Ulrich mit seinem Nachbarn gebaut. Ein paar Fässer, darauf Bretter. Als Antrieb dient ein Fahrrad. Das hintere Rad ragt ins Wasser und daran sind Schaufeln angebracht. Abends geht es mit Muskelkraft auf die Ruhr hinaus und ganz romantisch wird diniert. Den Absacker gibt es an Land an der hauseigenen Strandbar, mit Blick auf den Nistkasten am Baum, natürlich in Form eines Wohnwagens.

Daneben flattert eine Fahne von Schalke 04 im Wind. Es gibt allerdings auch Wohnwagen mit BVB-Aufklebern. Und welcher Klub hat die Mehrheit der Fans bei Steger hinter sich? Im Biergarten, unter dem Schild mit der Aufschrift „Stammtisch für Rentner, Angler, Jäger, Camper und andere Lügner“ hat ein Gast eine Antwort: „Wenn ich eine Wespe sehe, dann sage ich ihr: Du kannst ruhig hier bleiben, aber zieh’ das blöde Borussen-Trikot aus“. Der Mann ist übrigens BVB-Fan. Aber der Witz ist einfach zu gut. So ist man bei Steger.
Weitere Informationen über die Freizeitregion Ennepe-Ruhr unter www.ennepe-ruhr-tourismus.de

Quelle: Westfälische Rundschau, Autor Klaus Bröking, 23. Juli 2010