Urlaub vor der Haustür: Die Bäume hängen voller Menschen

Auch beim Urlaub vor der Haustür darf es einmal hoch hinaus gehen. „Kein Problem bei uns im Ennepe-Ruhr-Kreis“, meint Meike Knop von der Tourismus-Förderung. Als unsere Reiseleiterin zu den Attraktionen in der Nachbarschaft möchte sie mit uns einen Waldspaziergang machen - allerdings 18 Meter über der Erde.

Im Kletterwald in Wetter an der Ruhr würden sich Tarzan und Jane als Urlauber wie Zuhause fühlen. In der dritten Saison heißt es hier: „Auf die Bäume...“ Auch in einem deutschen Buchenwald kommt man im Tourismus anscheinend an englischen Begriffen nicht ganz vorbei. Das Unternehmen „Forest Adventures“ aus Hessen hat die Anlage mit inzwischen neun Kletterparcours errichtet. Insgesamt drei Parks gehören dem Betrieb. Zwei sind in der Nähe von Frankfurt und der dritte eben in Wetter. „Wir haben nach einem geeignet Wald auf Satelliten-Bildern im Internet gesucht und dieses Gelände hier gefunden“, sagt Martin Wylich, der stellvertretende Parkleiter. Der Wittener war damals noch nicht dabei. Er ist als Besucher gekommen und als Mitarbeiter geblieben.

Kein Job für Liebhaber von Schlips und Kragen, dafür gibt es eine andere Dienstkleidung. „Weißer Helm“, ruft ein Kind, das am Rollkarabiner an einem Seil zwischen zwei Bäumen hängen geblieben ist. Das ist das Stichwort für Wylich. Er trägt, wie alle Mitarbeiter, einen solchen weißen Helm. Und wenn einer in der Klemme sitzt - wie jetzt der junge Mann - wird gehandelt.

Einerseits ist es nämlich ein Kinderspiel, Tarzan zu spielen, andererseits müssen umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen berücksichtigt werden, damit es das bleibt. „Wie in eine Hose einsteigen“, sagt Wylich, als sich Meike Knop die Kletterausrüstung anlegt. An den Gurten sind zwei Karabinerhaken und ein Rollkarabiner befestigt, mit dem man an einem Seil sozusagen als lebendige Kabinenbahn von einem Baumwipfel zum anderen sausen kann. „Wir haben allein 1,6 Kilometer Sicherungsseile gespannt“, sagt der Wipfelstürmer, der uns begleitet. Kein einziger Nagel wurde dafür ins natürliche Holz geschlagen. „Alles ist lediglich an den Stämmen festgeklemmt“, erklärt Wylich. Auch der Wald selbst sei nicht verändert worden. Aus Sicherheitsgründen müssen tote Äste allerdings beseitigt werden. Gutachter besuchen regelmäßig den Wald, um Gefahrenquellen zu erkennen. Die Laufwege sind abgesperrt: „Wir wollen nicht, dass unsere Kunden kreuz und quer durch den Wald laufen. Dabei verdichtet sich der Boden. Das wollen wir nur da haben, wo es unumgänglich ist.“ Immerhin 30.000 große und kleine Klettermaxe und -mäxinnen kommen in einer Saison in den Park nach Wetter.

„Klettern boomt“, sagt Wylich dann auch. Man kann ihm nur recht geben. Sein Wald hängt voller Menschen. Nach dem „Einkleiden“ geht es zu einem Testparcours. Hier wird ausführlich erklärt, wie der Karabiner benutzt wird, an dem buchstäblich die Gesundheit hängt. Und dann wird getestet. Wer mit der Anleitung nicht zu recht kommt oder kommen will, für den ist das Abenteuer bereits hier beendet und er bekommt sein Geld zurück. Das ist allerdings nur selten der Fall.

Dann geht es auf die Parcours, die zwischen einem Meter und 18 Metern über der Erde montiert sind. Die Besucher schwingen sich an Seilen durch den Wald, rutschen an ihnen hinab, klettern durch Netze und achten stets darauf, richtig gesichert zu sein. Wenn einer die Vorschriften auf die leichte Schulter nimmt oder eine Absicherung vergisst, bekommt er einen leuchtenden orangefarbigen Helm zugeteilt. „Das ist für unsere Mitarbeiter das Signal, stärker auf ihn zu achten“, sagt Wylich.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kommt es ab und zu Verletzungen. „Etwas Schlimmes war bisher noch nicht dabei“, sagt der Profi, der eigentlich einmal Foto-Design studierte und sich als „Quereinsteiger“ auf die Wipfel des Ennepe-Ruhr-Kreises bezeichnet. Eine Rettungsakti-on dagegen sei keine Seltenheit: „Vier Meter sehen vom Boden nicht sehr hoch aus. Ist man aber erst einmal oben, dann sind es gefühlte acht bis neun Meter.“

Der eine oder andere kann sich oder seine Nerven schnell überschätzen. Dann kommt der Mann auf dessen Helm ein Aufkleber mit der Aufschrift „Held im Einsatz“ prangt. Manchmal muss er einem Besucher nur ein Seil zuwerfen, um ihn an einen retten Baumstamm zu ziehen. Ein anderes Mal muss auch ein Gast abgeseilt werden, der seine Kräfte überschätzt hat: „Dem raten wir dann noch einen leichteren Parcours zu gehen, damit er mit einem Erfolgserlebnis nach Hause fährt.“ Normal sei eine durchschnittliche körperliche Fitness vollkommen ausrei-chend: „Der älteste Besucher, den wir bisher hatten, war immerhin 84 Jahre.“ Ein Mensch ist anscheinend nie zu alt, um zum Tarzan zu werden.

Quelle: Westfälische Rundschau, Autor Klaus Bröking, 6. September 2010