Urlaub vor der Haustür: Wanderung durch ein Korallenriff

Nein, ich war noch nie in der Kluterthöhle. Was sollte ich dort? Sie kann sich noch nicht einmal einen großen Tropfstein leisten. „Wie wäre es denn mit einer Wanderung durch ein Korallenriff?“, fragt Meike Knop von der Tourismus-Förderung des Ennepe-Ruhr-Kreises, unsere Reiseleiterin zu den schönsten Ferienzielen vor der Haustür. Und dann stehen wir - wo wohl? - vor der Kluterthöhle.

„Ja“, sagt Patrice Cailly, „das ist richtig, wir gehen jetzt quasi durch ein Korallenriff.“ Der Herr der Höhle ist Franzose. Man kann Cailly anhören und ansehen, wie fasziniert er von dem ist, was er fast Tag für Tag unter der Erde von Ennepetal sieht. Er zeigt auf die Versteinerungen von Korallen, die Muscheln, die vor Millionen von Jahren gelebt haben. „Einmal“, so der 46-Jährige, „lag die Kluterthöhle am Äquator. Sie gehört zu einer Gesteinsplatte, die sich nach Norden geschoben hat.“ Und heute nicht nur für die Menschen jedes Alters einen unterirdischen Abenteuerspielplatz bietet, sondern sie auch noch gesund macht.

Arbeitsplatz wird nie wärmer als 10 Grad

Nicht allerdings unseren Höhlenführer. Dessen Stimme ist deutlich angegriffen. „In der Höhle ist es bei einer Luftfeuchtigkeit von 85 bis 98 Prozent konstant zehn Grad warm. Wenn ich dann nach einer Führung wieder unter freiem Himmel bin, fängt man sich schon schnell eine Erkältung ein.“ Während der Rekordhitze gab es also keinen Grund Monsieur Cailly um sei-nen „coolen“ Arbeitsplatz zu beneiden.

Dabei rühmt sich die Kluterthöhle, das längste Behandlungszimmer der Welt zu sein. Asthma, Bronchitis, Allergien, Heuschnupfen, Keuchhusten, Schlafstörungen und Neurodermitis werden unter der Erde therapiert. Ja sogar die Lust auf eine Zigarette soll einem unter der Erde vergehen. „Ab in die Höhle“, heißt es immer noch für die Kinder rund um Ennepetal, wenn sie einmal Probleme mit den Atemwegen haben.

120 Therapieplätze stehen in der Kluterthöhle zur Verfügung. Von denen sehen wir heute allerdings nichts. Schließlich hat unser Reiseziel tief im Inneren des Berges insgesamt 360 Gänge mit einer Länge von 5,6 Kilometern. Da kann man sich schon einmal verlaufen und braucht einen kundigen Führer.

Besondere Führungen lassen Besucherzahlen steigen

Nicht alle scheinen nämlich den Besuch der Kluterthöhle gut überstanden zu haben. Uns blickt ein Totenschädel entgegen, obwohl das eigentlich bei den fehlenden Augen schlecht möglich ist. Ein verunglückter Forscher? Patrice Cailly lacht: „Nur ein Vorbote für unsere Vampirführung.“ Bei der fängt es ganz harmlos mit einem Gläschen Sekt an und dann treffen die Besucherinnen und Besucher auf die unheimlichsten Untoten in den finsteren Gängen der Kluterthöhle. In ihrer Freizeit haben die Höhlenführer die Requisiten gebastelt. Gigantische Spinngewebe hängen an der Decke und scheinen einen Kerzenleuchter gefangen zu haben. Zwei Särge stehen nebeneinander, und jede Menge Knochenmänner verbreiten eine finstere Atmosphäre. „Graf Abramowski gibt sich die Ehre!“, lautet der vielversprechende Titel der Aufführung, die die Höhlenführer kreiert haben.

Patrice Cailly hat sozusagen das Buch des Schreckens geschrieben. „Wir müssen uns immer wieder etwas einfallen lassen. Die Besucherzahlen in den deutschen Höhlen gehen ständig zurück. Viele machen sich Sorgen. Wir haben 43 .000 Gäste aus ganz Europa, selbst von Übersee kommen einige. Unsere Zahlen gehen nach oben. Das ist nur mit dem großen Enga-gement der Menschen zu erreichen, die hier arbeiten“, sagt der Franzose.

Und er erzählt davon, dass man die Kluterthöhle wieder so haben möchte, wie sie früher ein-mal war. Einst hätten die Arbeiter die Wege ausgebaut und den überflüssigen Schutt einfach in die unterirdischen Seen und Bäche gekippt: „Dann hatten wir im Winter bis zu drei Meter Hochwasser in der Höhle.“ Mühsam wurden die Gewässer wieder ausgehoben. Cailly erzählt von den blinden Wasserflohkrebsen, die hier leben und sich von Bakterien ernähren. Und er berichtet von den Fledermäusen, die hier Unterschlupf finden. Und von den Menschen, die er in die Tiefe begleitet: „Viele haben viel zu wenig von ihrer Freizeit. Wir wollen sie von ihrem Alltag weglocken. Wenn sie zu uns kommen, soll für sie nur noch Höhle sein. Sie sollen mit einem strahlenden Lächeln heraus kommen.“ Dass er die trockenen Höhlenführungen hasst, mit der schon so manche Schulklasse gequält wurde, nehmen wir dem Mann, der jetzt bereits seit 20 Jahren in der Kluterthöhle arbeitet, gerne ab.

Das schönste Erlebnis für ein Kind im Rollstuhl

Und manchmal gibt es dann auch eine Belohnung. Von einem kleinen Mädchen zum Beispiel, das im Rollstuhl saß und mit ihrer Klasse kam. „Wir konnten sie mit ihrem Rolly nur 80 Meter weit in die Gänge schieben, aber sie hat uns immer wieder gesagt, wie gerne sie einmal die ganze Höhle sehen würde. Da haben die Lehrerin und ich das Mädchen abwechselnd getra-gen.“ Und dann hat sie einen Aufsatz geschrieben: Einen Bericht über das schönste Erlebnis in ihrem Leben – den Besuch der Kluterthöhle in Ennepetal. Patrice Cailly ist immer noch gerührt, wenn er daran zurück denkt.

Die Führungen im Überblick

Führungen finden von 10 bis 16 Uhr zu jeder vollen Stunde statt.

Graf Abramowski gibt sich die Ehre: Vampir-Führung freitags und samstags um 18.45 Uhr und 20.45 Uhr mit Sektempfang ab September. Mindestalter 14 Jahre. Auch für Einzelbesu-cher, aber nur nach telefonischer Voranmeldung unter 02333/9 88 00.

Lehmzwerge: Das Angebot für Kindergärten und Gruppen im Kindergartenalter: Lehmzwerge erforschen die Kluterthöhle. Kinder lernen den Naturraum Kluterthöhle auf kindgerechte Weise kennen. Hierbei stehen matschige Erlebnisse mit Lehm im Mittelpunkt. Die Kinder sind mit Schüppen und Eimern ausgerüstet und können Lehm abfüllen, der dann sogar mit in den Kindergarten genommen werden kann, um dort Figuren zu formen.

Schatzsuche: Kluti II. hat seinen geerbten Schatz in der Kluterthöhle versteckt und kann ihn nicht mehr finden. Nun gehen die Kinder auf die Suche. Eine einstündige kindergerechte Füh-rung in beleuchteten und unbeleuchteten Gängen, zu der man Taschenlampe, Fahrradhelm, Wechselkleidung und Gummistiefel braucht. Eine Überraschung zum Schluss ist für die Gruppen im Preis inbegriffen.

Erlebnisführung: Nur mit Taschenlampe und Helm ausgerüstet, werden Kinder (ab 8 Jahre), Jugendliche und Erwachsene abseits des normalen Führungsweges durch die Höhle geführt. Auf dieser speziellen Route muss teilweise etwas geklettert oder auf dem Bauch liegend durch Engstellen gekrochen werden. Die Führung dauert etwa anderthalb Stunden. Alte Kleidung und Gummistiefel werden dringend empfohlen. Eine funktionierende Taschenlampe mit neu-en Batterien sollte ebenfalls mitgebracht werden, kann zur Not aber auch an der Höhlenkasse gekauft werden.

XX-trem-Tour: Die Besucher erfahren körperliche und mentale Grenzen und deren Überwindbarkeit in dem weit verzweigten Gangsystem der Kluterthöhle in teils völliger Dunkel-heit und absoluter Stille. Für Gruppen bis maximal 15 Personen.

Kriechen und klotzen: Eine Kombination einer Erlebnisführung mit einem Besuch von Gut Brabant. Dort wird gesägt, Holz gehackt, es wird Feuer gemacht und gegrillt. Nur für Gruppen ab 20 Personen.

Höhle und Hammer: Kombination einer Erlebnisführung mit einem Besuch des Krenzer Hammers. Dort kann jeder Besucher zum Schmied werden. Für Gruppen ab mindestens 20 Personen.

Medizinisches Angebot: Raucherentwöhnung, Asthma-, Bronchitis-, Allergie-, Heuschnupfen und Keuchhusten-Behandlung unter ärztlicher Begleitung. Weitere Informationen: Kluterthöhle und Freizeit GmbH & Co. KG, Gasstraße 10, 58256 Ennepetal, 02333/9 88 00, Internet: www.kluterthoehle.de.

Informationen über Urlaubsangebote im Ennepe-Ruhr-Kreis: Tourismus-Förderungsagentur des Ennepe-Ruhr-Kreises, Am Walzwerk 25, 02324/56 48 15, Internet: www.en-tourismus.de.

Quelle: Westfälische Rundschau, Lokalausgabe Schwelm, Gevelsberg, Ennepetal und Sprockhövel, Autor Klaus Bröking, 29. Juli 2010