Corona: Schulbeginn mit Turbulenzen

Dr. Sabine Klinke-Rehbein

Dr. Sabine Klinke-Rehbein/Foto: UvK/Ennepe-Ruhr-Kreis

Seit Mitte letzter Woche sind auch im Ennepe-Ruhr-Kreis die Schulferien zu Ende. Zwischen Breckerfeld und Hattingen, Herdecke und Schwelm besuchen damit täglich mehr als 37.000 Schüler fast 100 Schulen. Vom bis Ende Februar bekannten Unterrichtsalltag ist dabei für alle Beteiligten wenig zu spüren.

Es galt Hygienekonzepte und Sitzpläne aufzustellen, es gilt, diese einzuhalten, für Schüler ab Klasse 5 gilt die Pflicht, durchgehend eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen und schon an den ersten fünf Unterrichtstagen waren die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes an Schulen in Hattingen, Schwelm, Sprockhövel und Witten besonders gefordert. Im Interview berichtet Amtsärztin Dr. Sabine Klinke-Rehbein über die damit verbundenen Aufgaben und Erfahrungen.

pen: Wie würden Sie die Arbeitstage vieler Mitarbeiter im Gesundheitsamt an den ersten Tagen des neuen Schuljahres beschreiben?

Dr. Sabine Klinke-Rehbein: Wie erwartet turbulent, sehr turbulent und sehr intensiv. Und das auch am Wochenende. Bereits vor Schulbeginn hatten uns ja die Reiserückkehrer aus Risikogebieten sehr stark beschäftigt. Dazu kommen jetzt seit Ende letzter Woche erste Corona-Fälle an Schulen. Jeder löst umfangreiche Recherchen aus, macht zahlreiche Telefonate und Gespräche erforderlich. Wie immer gilt es, Kontaktpersonen zu ermitteln und zu beurteilen, wie eng diese Kontakte waren. Zusätzlich müssen wir aber von Fall zu Fall entscheiden, ob wir Klassen vorübergehend schließen, wen wir wo testen und für wen wir eine Quarantäne für unausweichlich halten.

Ganze Schulen bisher nicht betroffen

pen: Also ist keine Schule wie die andere. Vielmehr gilt es, aufwändig eine Vielzahl von Einzelerkenntnissen abzufragen, untereinander zu schreiben und zu summieren?

Dr. Klinke-Rehbein: Natürlich. Es ist eben ein Unterschied, ob wir es bereits mit einem positiven Fall in einer Klasse oder „nur“ im familiären Umfeld eines Schülers zu tun haben. Ebenso steht die Schulform im Fokus. Während Grundschüler ohne Mund-Nasen-Bedeckung unterrichtet werden, müssen diese an weiterführenden Schulen durchgehend getragen werden. Dies können wir für unsere Einschätzung, wie vor vorgehen, wer als enge Kontaktperson zu bewerten ist, natürlich nicht außer Acht lassen. Dazu kommen Aspekte wie das Beurteilen des Verhaltens während der Pausen, Hinweise auf das Einhalten von Hygienevorgaben oder das Betrachten von möglichen Ansteckungszeiträumen.

pen: Zu Schließungen ganzer Schulen oder sehr umfangreich angeordneter Quarantänen ist es bisher nicht gekommen?

Dr. Klinke-Rehbein: Nein. Bisher haben wir „nur“ einzelne Klassen für einige Tage geschlossen. In einigen Fällen war die Infektionslage unklar. Hier sind die Betroffenen zuhause sicherer aufgehoben und wir haben die notwendige Zeit, um unsere Recherchen anzustellen und weitere Entscheidungen zu treffen. In anderen Fällen war klar: Es muss getestet werden, vor Vorliegen der Ergebnisse sollte kein Beteiligter in die Schule zurückkehren.

Quarantäne ist ein Eingriff in Grundrechte

pen: All das gilt aber amtlich nicht als Quarantäne?

Dr. Klinke-Rehbein: Richtig. Diejenigen, die von Klassenschließungen betroffen sind, sollten sich im Interesse aller zuhause aufhalten und auch dort Kontakte stark einschränken. Demgegenüber wird die „richtige“ Quarantäne vom Gesundheitsamt angeordnet Sie ist eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit und greift damit in die Grundrechte ein. Sie zielt auf enge Kontaktpersonen von positiv Getesteten und soll die Allgemeinheit schützen. Verstöße gegen die Auflagen können mit Geldbußen bestraft werden.

pen: Die ersten Schultage waren bereits sehr turbulent, Was können die Bürger machen, um Sie zu unterstützen?

Dr. Klinke-Rehbein: Fakten, Fakten, Fakten. Wer von uns angerufen wird, sollte uns möglichst schnell und umfassend alle Informationen geben, die wir benötigen, um ein Ausbruchsgesehen vollständig beurteilen zu können. Dies gilt beispielsweise auch für die außerschulischen Kontakte von Kindern, die eine von uns geschlossene Klasse besuchen.

Gemeinsam gegen Pandemie

pen: Turbulente Tage, was nehmen Sie Positives mit?

Dr. Klinke-Rehbein: Eine ganze Menge. Dafür nur folgende Beispiele: Auch im sechsten Monate der Coronapandemie sind alle Beteiligten trotz der erheblichen Arbeitsbelastung hochmotiviert und es gelingt uns immer wieder, mit Lösungen auf Herausforderungen zu reagieren. Dazu zähle ich verschiedene Online-Formulare, die Abläufe erleichtern, sowie das Wiedereinrichten der stationären Diagnostik am Kreishaus. Auch, dass wir dort inzwischen von Mitarbeitern der Stadtverwaltungen unterstützt werden, ist ein gutes Signal. Wir werden schließlich noch viele Kräfte benötigen, um die Corona-Pandemie zu bewältigen.