Kampagne „Stark. Sozial. Vor Ort.“: Kommunale Jobcenter setzen Zeichen

Der Neubau des Jobcenters EN an der Rheinischen Straße in Schwelm macht gute Fortschritte. Im Herbst 2020 sollen die Beschäftigten hier im Einsatz sein.

Heiner Dürwald

Olaf Schade/Fotos: UvK/Ennepe-Ruhr-Kreis

Die Woche vom 26. bis 30. August steht bundesweit im Zeichen der Jobcenter, für die die Kreise und kreisfreien Städte die Verantwortung tragen. Die Kampagne trägt den Titel „Stark. Sozial. Vor Ort“.

Wie 18 weitere Jobcenter aus Nordrhein-Westfalen beteiligt sich auch das Jobcenter EN. In einem Interview erläutern Landrat Olaf Schade und Leiter Heiner Dürwald, Arbeit, Aufgaben und Zukunft der Anlaufstelle für Hartz IV Empfänger.

pen: Das Jobcenter EN betreut im Vergleich zu den anderen Fachbereichen der Kreisverwaltung die meisten Menschen und bewegt große Summen Geld. Können Sie uns einige Zahlen nennen, die die Dimensionen verdeutlichen?

Dürwald: Aktuell beziehen gut 27.000 Menschen monatlich Leistungen von uns. Unter ihnen sind 19.600 als erwerbsfähig eingestuft. Ihnen helfen wir, neue Perspektiven für Ausbildung und Arbeit zu finden. Als nicht-erwerbsfähig gelten 7.300 Personen. Dies sind in der Regel Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren.

Für unsere Aufgaben stehen uns in diesem Jahr 220 Millionen Euro zur Verfügung. Davon trägt der Bund 175, der Ennepe-Ruhr-Kreis 40 und das Land NRW 6,5 Millionen Euro. Der Blick auf den Gesamthaushalt der Kreisverwaltung zeigt: 4 von 10 Euro fallen in unseren Verantwortungsbereich.

Historischer Tiefstand

pen: Erfreulicherweise durften Sie sich in den letzten Jahren darüber freuen, weniger Menschen betreuen zu müssen.

Schade: Das stimmt. Die Zahl der Leistungsempfänger ist seit längerer Zeit deutlich rückläufig. Historisch niedrig ist mit 6.124 sogar die Zahl derjenigen, die im System Jobcenter EN als arbeitslos gelten. Eine gute Nachricht, denn jeder, der nicht mehr auf Hartz IV angewiesen ist, kann sein Leben finanziell entspannter und unabhängiger gestalten.

Für mich ist die Verantwortung, die wir als so genannte Optionskommune für Langzeitarbeitslose bereits 2005 in Eigenregie ganz bewusst übernommen haben, eine Grundlage dieses Erfolges. Pluspunkte sind für mich Bürgernähe, kurze Entscheidungswege sowie ganzheitliche Angebote im Zusammenwirken aller örtlichen Akteure. Dank des Zusammenspiels mit der gesamten örtlichen Sozial- und Hilfestruktur können wir vielen Betroffenen wirksam und nachhaltig helfen.

Angebot lebt von Zusammenarbeit

pen: Gibt es Beispiele dafür, welche Personengruppen hiervon besonders profitieren?

Dürwald: Wir konnten und können dank unserer Vor-Ort-Kontakte unter anderem zunehmend mehr Angebote für die wachsende Zahl physisch und psychisch Beeinträchtigter einrichten. Zudem steht der Start des Modellprogramms RehaPro unmittelbar bevor. Und auch beim Thema sozialer Arbeitsmarkt, also bei Angeboten für Menschen, die aktuell keine Chance auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt haben, läuft all das, was läuft, nur, weil viele an einem Strang ziehen.

Grundsätzlich gilt: Unser gesamtes, sehr ausdifferenziertes Förderangebot, das seit Jahren von der Kreispolitik mitgetragen wird, ist nur dank der guten Zusammenarbeit mit allen Akteuren zwischen Witten, Hattingen und Breckerfeld, Schwelm, Gevelsberg und Herdecke, Wetter, Sprockhövel und Ennepetal überhaupt möglich.

Abläufe beschleunigen, digitaler arbeiten, Gespräche noch besser nutzen

pen: Bürger, Betroffene und Politik diskutieren immer wieder sehr kontrovers über Hartz IV und die Arbeit der Jobcenter.

Schade: Dafür gibt es in vielen Bereichen auch nachvollziehbare Gründe. Stichworte sind beispielsweise die hohe Betroffenheit von Alleinerziehenden und Kindern vom System der Grundsicherung sowie das Regelwerk von Sanktionen bei Verstößen gegen Regeln im SGB II. Daher würden konkrete Reformen an der einen oder anderen Stelle sicher Sinn machen und den Menschen helfen.

Dürwald: Gerade im Moment steht das Thema Kundenfreundlichkeit und -orientierung wieder ganz oben auf unserer Liste. Unsere Ziele lauten, Abläufe zu beschleunigen, digitaler zu arbeiten und Gespräche noch besser zu gestalten und zu nutzen. Auf diesem Weg setzen wir zum einen auf organisatorische, technische und bauliche Aktivitäten. Zum anderen auf unsere 370 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bereit sind, Veränderungsprozesse mitzumachen und sich zu engagieren.

Absehbar werden wir die klassische Akte abschaffen und den Betroffenen Zugang über das Internet ermöglichen. Auch der Bau des neuen Gebäudes im Südkreis kann an dieser Stelle erwähnt werden. Ab Herbst 2020 profitieren Leistungsberechtigte und Mitarbeiter hier von einer im Vergleich zu heute deutlich verbesserten Situation.

Stichwort Geschichte des Jobcenters EN

2005 zählte das Jobcenter EN - seinerzeit noch Jobagentur EN - bundesweit zu den ersten rein kommunalen Einrichtungen, die sich um die Empfänger von Hartz IV kümmerten. Grund dafür, die so genannte Option zu ziehen und auf eine gemeinsame Behörde mit der Agentur für Arbeit für diese Aufgabe zu verzichten, war der Eindruck, dass die Nürnberger Behörde örtliche Gegebenheiten zu wenig berücksichtigen würde. Kreisverwaltung und Kreispolitik sahen im Jobcenter EN die bessere Chance, soziale Verantwortung für die Bürger zu übernehmen.

2013 wurde das Jobcenter EN neu aufgestellt. Eine Delegationssatzung mit den neun Städten wurde aufgehoben, das Jobcenter EN wurde als Fachbereich IV Teil der Kreisverwaltung. Damit einher ging die Übergabe der gesamten personellen und organisatorischen Verantwortung von den Städten auf den Kreis.