Unterstützer für Selbsthilfe gesucht

Suchen Unterstützer für neu gegründete Selbsthilfegruppen: (v.li.) Susanne Auferkorte (Kiss EN-Süd), Ehrenamtler Jürgen Grams, Michael Klüter (Kiss Hattingen/Sprockhövel) und Anke Steuer (Kiss Witten)./Foto: WAZ/Barbara Zabka

Etwa 300 Selbsthilfegruppen gibt es im Ennepe-Ruhr-Kreis. Tendenz steigend. „Wir haben viele Anfragen, neue Gruppen zu gründen“, sagt Anke Steuer von der Kontaktstelle an der Dortmunder Straße. Weil es dann aber auch jemanden braucht, der diese Gruppen am Anfang eine Weile unterstützt, damit sie strukturiert und zielgerichtet starten können, werden sogenannte In-Gang-Setzer dringend gesucht.

Gerd, der seinen Nachnamen nicht so gerne nennen möchte, ist so einer. Der 67-Jährige hat Anfang 2010 zunächst eine Selbsthilfegruppe als Teilnehmer besucht. Um Depressionen und Ängste ging es dabei.

Ablauf muss strukturiert sein

„Die war nach einem Jahr so voll, dass eine zweite gegründet wurde“, sagt Gerd. Weil er inzwischen wusste, wie so eine Gruppe funktionieren sollte, übernahm er in der neuen die Moderation. Er leitete die Teilnehmer so an, dass sie nach einigen Treffen ohne ihn zurecht kommen konnten.

„Ganz wichtig ist es, eine Struktur in den Ablauf zu bringen.“ Los geht’s zum Beispiel immer mit einem „Blitzlicht“: „Jeder soll erzählen, was in der Woche gut oder schlecht war, was ihn bedrückt.“ Ganz wichtig sei es, dass jeder zu Wort komme, nicht dazwischen gesprochen und keine Ratschläge erteilt werden. „Man muss Vertrauen aufbauen. Nur dann sind die Leute bereit, ihre Lebensprobleme darzulegen.“

Impuls kommt aus Dänemark

Was in gut funktionierenden sozialen Netzwerken oft die beste Freundin ist, der man alles erzählen kann, diese Funktion übernehme im Idealfall die Gruppe. Jürgen Grams (60), ebenfalls In- Gang-Setzer, sagt: „Man muss auf Augenhöhe mit den Teilnehmern sein. Auch wenn man als Helfer da rein geht, steht man nicht über den anderen.“ Er begleitet zwei neue Gruppen: Menschen mit sozialer Phobie und Angehörige depressiv Erkrankter. „Ich finde dieses Ehrenamt sehr bereichernd. Es ist eine wunderbare Erfahrung, mit unterschiedlichen Menschen und Bedürfnissen zu tun zu haben.“

Der Impuls zu den In-Gang-Setzern kam übrigens aus Dänemark. Der Paritätische Wohlfahrtsverband NRW hat die Idee aufgegriffen und zu einem Konzept weiterentwickelt, das seit 2007 mit interessierten Kontaktstellen bundesweit umgesetzt wird. Seit 2012 werden die In-Gang-Setzer im EN-Kreis geschult. „Zehn haben wir ausgebildet, sechs sind gerade im Einsatz“, so Anke Steuer.

Echte Selbsthilfe will auf Profis verzichten

Auch Susanne Auferkorte, Sozialarbeiterin in der Selbsthilfe- Kontaktstelle EN-Süd, und Michael Klüter, Sozialarbeiter in der Stelle Hattingen-Sprockhövel, wissen die ehrenamtliche Arbeit der In-Gang- Setzer zu schätzen. Zwar kommen die Hauptamtlichen zum Einsatz, falls echte Krisensituationen in den Gruppen auftauchen. „Aber wenn wir ständig als Profis mit dabei sind, dann ist das ja keine echte Selbsthilfe mehr“, sagt Anke Steuer. Und die, findet Jürgen Grams, sei schließlich wirklich sinnvoll. Und deshalb unterstützt er die Gruppen, bis sie auf eigenen Beinen stehen.

Quelle: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Lokalausgabe Witten, Autorin Annette Kreikenbohm