"Der Beruf meines Lebens": Talal Alasafr bleibt Ingenieur

Endlich auch in Deutschland als Ingenieur tätig: Talal Alasafr an seinem Arbeitsplatz bei der BFT Planung GmbH // UvK // BFT Planung GmbH

Talal Alasafr hat vieles aufgeben müssen. Seine Heimat, die Nähe zu Verwandten, zu Freunden. Das gesamte Leben, das er sich aufgebaut hatte. In Deutschland angekommen, tat der 51-jährige Syrer alles dafür, wenigstens den Beruf behalten zu können, den er liebt. Und das hat sich gelohnt: Mit Unterstützung des Jobcenters EN und eines Freundes ist es Alasafr gelungen, einen Arbeitsplatz als Ingenieur zu finden.

Alasafr ist studierter Maschinenbauingenieur. In Hama und Aleppo, Syrien, übte er diesen Beruf 15 Jahre lang aus. Dann begannen 2011 im Zuge des arabischen Frühlings Proteste gegen die Regierung. Alasafr wurde zugetragen, dass er verhaftet werden sollte. Und weil er die Warnung ernst nahm, verließ er das Land, floh mit seiner Familie nach Dschidda, Saudi-Arabien.

Über Griechenland nach Deutschland

Dank seiner Qualifikation fand er dort Jobs. Erst in einer Firma, die sich auf Metallverarbeitung spezialisiert hat, später in einem Unternehmen, das Fassaden herstellt. Doch dann ging es mit der Wirtschaft in Saudia-Arabien bergab, der Syrer verlor seine Arbeit und war gesetzlich gezwungen, mit seiner Familie das Land zu verlassen.

Nun hieß das Ziel: Europa. Nach einiger Zeit erhielten sie Visa für Griechenland, kamen 2017 als Flüchtlinge nach Deutschland. Das BAMF wies sie der Stadt Wetter zu, so dass sie in die Zuständigkeit des Jobcenters EN fielen.

Deutschlernen war Pflicht

„Herr Alasafr hätte am liebsten direkt wieder in seinem Beruf gearbeitet“, erinnert sich Integrationscoach Christiane Küpper an die ersten Gespräche. Er habe keinen Zweifel daran gelassen, dass er so schnell wie möglich selbst für das Familieneinkommen sorgen wollte.

„Ich spreche Englisch und dachte, damit könnte ich in Deutschland sofort arbeiten“, sagt Alasafr. „Aber hier wird überall erwartet, dass man Deutsch spricht. Also musste ich das schnell lernen.“ Weil er auf einen Platz in einem kostenlosen Deutschkurs einige Wochen hätte warten müssen, bezahlte er den Kurs für sich und einen seiner Söhne aus eigener Tasche. Gemeinsam lernten sie schnell, steigerten sich von Niveau A1 bis auf C1.

Jobcenter EN förderte gezielt

Parallel dazu förderte das Jobcenter EN ihn. Integrationscoach Küpper und Michaela Redjai vom Arbeitgeberservice vereinbarten regelmäßig Termine mit Alasafr, berieten ihn bei den weiteren Schritten in Richtung Arbeitsmarkt. „Wir versuchen, unsere Kunden mit ganz zielgerichteten Maßnahmen voranzubringen“, sagt Redjai. Alasafr nahmen sie unter anderem in die Projekte Durchstarter und IvAF NRW auf.

So lernte Alasafr, wie der Arbeitsmarkt in Deutschland funktioniert, wo man Stellenausschreibungen findet, wie ein Lebenslauf auszusehen hat, was in einem Bewerbungsschreiben stehen sollte. Er nahm an einem Training teil, in dem Vorstellungsgespräche geübt werden, und erweiterte sein berufsspezifisches Vokabular in einer Fortbildung zum Thema Projekt- und Qualitätsmanagement.

Ein Unternehmen zeigte Interesse

Im Projekt Durchstarter verfasste Alasafr unter Anleitung die ersten Bewerbungen, bis er genug Übung hatte, dies allein zu tun. „In den nächsten Monaten habe ich sehr, sehr viele Bewerbungen geschrieben“, erzählt er. „Leider waren alle negativ“, niemand habe ihn eingeladen.

Alasafr war enttäuscht, aber weit davon entfernt, aufzugeben. Redjai riet ihm, den Radius bei der Stellensuche noch zu erweitern und jeden denkbaren Kontakt zu nutzen. Also sprach Alasafr Bekannte an, ob sie sich für ihn nach einem Job umhören könnten. Und tatsächlich fand ein Freund in Aachen ein Unternehmen, das Interesse zeigte, die Firma BFT Planung GmbH.

Jobcenter förderte mit Eingliederungszuschuss

„Wir haben den Arbeitgeber kontaktiert und beraten“, sagt Redjai. Das Jobcenter bot an, ein sechswöchiges Praktikum zu finanzieren. Die Aachener Firma stimmte zu, im Februar durfte Alasafr beginnen. Sein Chef Jens Reineke, Mitglied der Geschäftsführung, war schon nach kurzer Zeit von der guten Arbeit seines Praktikanten überzeugt und an einer Weiterbeschäftigung interessiert.

Das Jobcenter EN förderte seine Übernahme mit einem Eingliederungszuschuss über 50 Prozent der Arbeitnehmerbruttokosten im ersten Jahr. So erhielt Alasafr den ersehnten Arbeitsvertrag als Ingenieur, zunächst befristet auf zwei Jahre. Seit Beschäftigungsbeginn ist er kein Leistungsbezieher des Jobcenters mehr. „Das ist ein toller Erfolg. Herr Alasafr war immer extrem motiviert. Wir freuen uns sehr für ihn“, sagt Redjai.

Pendeln zwischen Aachen und Wetter

Noch glücklicher ist Alasafr selbst über das Erreichte. Auch wenn der Job in Aachen bedeutet, dass er seine Frau und die zwei Kinder, die weiterhin in Wetter wohnen, nur am Wochenende sieht. „Sie haben dort Freunde gefunden, sich eingelebt. Sie wollten nicht noch einmal von vorne anfangen. Das verstehe ich. Also muss ich pendeln“, sagt er. Unter der Woche wohnt er nun in Aachen, freitags fährt er nach Wetter.

Hauptsache, es gehe ihnen allen gut, sagt Alasafr. „Hauptsache, wir leben in Sicherheit und Freiheit. Hauptsache, die Kinder erhalten eine gute Bildung. Und Hauptsache, ich darf wieder Ingenieur sein.“ Seine Stimme ist voller Freude und Stolz. „Dieser Beruf ist das Beste. In meinem Job möchte ich noch weiterkommen. Aber in einem anderen Beruf möchte ich in meinem Leben nicht mehr arbeiten.“

Stichwort: Durchstarter und IvAF NRW

Das Projekt Durchstarter des Jobcenters EN ist ein individuelles Berufscoaching, das sich an alle Arbeitsuchende richtet, die am Beginn oder Neubeginn ihrer beruflichen Laufbahn stehen und auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind. Je nach Bedarf werden beispielsweise passgenaue Bewerbungsstrategien entwickelt, Bewerbungsunterlagen optimiert und Vorstellungsgespräche geübt. Auch die strategische Nutzung von sozialen Netzwerken kann ein Thema sein.

IvAF NRW (Integration von Asylbewerberinnen, Asylbewerbern und Flüchtlingen) besteht aus zehn Projektverbünden. Teilnehmer werden zu aufenthaltsrechtlichen Fragen und zum Arbeitsmarktzugang beraten, erhalten Hilfestellung bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse und werden bei der Suche nach Sprachkursen, Qualifizierungsangeboten und Praktikumsstellen unterstützt. Auch die Beratung potenzieller Arbeitgeber ist Teil des Angebots.