Fachtag Leichte Sprache NRW: Modellprojekt „Briefe vom Amt verstehen“

Norbert Killewald von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, die zur Evangelische Stiftung Volmarstein gehört und das Modellprojekt gefördert hat, kündigt die Podiumsdiskussionen an.

Die erste Gesprächsrunde: Verantwortliche aus den am Projekt beteiligten Kommunen und dem EN-Kreis werden nach ihrer Einschätzung des Projekts befragt, v.l.: Die beiden Moderatorinnen Kirsten Czerner-Nicolas (ehemalige Leiterin des Büros für Leichte Sprache Ruhrgebiet) und Claudia Spannel, Expertin der Expertengruppe, Astrid Hinterthür (Leiterin des Fachbereichs Gesundheit und Soziales, EN-Kreis), Frau Salomon-Faust (Inklusionsbeauftragte bei der Stadt Bochum)

Zuletzt berichteten einige am Projekt beteiligten Mitarbeitenden der Ämter von ihren Erfahrungen aus dem Projekt, v.l.: Die Moderatorin der Gesprächsrunde Annika Nietzio (Büro für Leichte Sprache in Volmarstein und Projektmitarbeitende), Alexander Stehl (Jurist, seinerzeit Sachgebietsleiter Recht, Jobcenter EN) und Sabine Schoen (Fachkoordinatorin für Inklusion, Rehabilitaion und Schwerbehinderte, Jobcenter EN)

Freuen sich über die ersten greifbaren Ergebnisse aus der Arbeit im Modellprojekt, v.l.: Sabine Schoen, Fachkoordination für Inklusion, Rehabilitation und Schwerbehinderte (Jobcenter EN), Patricia Riesner, Inklusionsbeauftragte des Ennepe-Ruhr-Kreises (Fachbereich Soziales und Gesundheit), Monika Terbeck, Leiterin der Beratungsstelle für Gehörlose Menschen im EN-Kreis in Witten.

Am 15.11.2018 fand der Fachtag Leichte Sprache NRW im inklusiven Hotel Franz in Essen statt. Veranstaltet wurde der Fachtag von der Agentur Barrierefrei NRW und dem Büro für Leichte Sprache Volmarstein. Etwa 150 Fachleute aus Politik, Verwaltung und Leichte Sprache in Nordrhein-Westfalen folgten der Einladung. Es ging dabei um die Themen Briefe vom Amt verstehen und Barrierefreie Kommunikation in der öffentlichen Verwaltung. Im Fokus standen die Ergebnisse des von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, die zur Evangelische Stiftung Volmarstein gehört, geförderten Modellprojekts Briefe vom Amt in Leichte Sprache übersetzen. Es handelt sich um ein Projekt der Büros für Leichte Sprache Volmarstein und Ruhrgebiet. Teilgenommen am Modellprojekt hat - neben zwei weiteren Kommunen (Bochum und Paderborn) - auch der Ennepe-Ruhr-Kreis. Mit dabei waren Mitarbeitende aus den Fachbereichen Jobcenter EN und Soziales und Gesundheit, zu dem auch der Bereich Inklusion gehört.

Barrierefreiheit: „Auch schwierige Texte können eine Barriere sein“

Viele Menschen verstehen schwere Sprache nicht und gerade Briefe und Formulare vom Amt sind häufig in schwerer Sprache. Allein in NRW, dem Bundesland mit den meisten Bewohnern, gibt es etwa 60.000 Menschen mit Lernschwierigkeiten. Diesen Menschen hilft Leichte Sprache und das Modellprojekt. Dass bei dem Fachtag nicht nur über Menschen mit Behinderungen oder mit Lernschwierigkeiten geredet wurde, zeigt, dass der Fachtag selbst inklusiv war. Menschen mit Behinderung waren nicht nur im Publikum, sondern auch als Experten auf der Bühne. Alles Gesprochene übersetzten zwei Dolmetscherinnen simultan in Gebärdensprache. Der Vorstand von der Evangelische Stiftung Volmarstein, Jürgen Dittrich, eröffnete den Fachtag mit den Worten: „Alles soll für Menschen mit Behinderung zugänglich sein, denn es ist wichtig, damit Menschen mit Behinderung selbstständig leben können.“ Dittrich betonte, dass Deutschland dafür sorgen muss und die Ämter in NRW viel mehr in Leichter Sprache machen sollten. Zum Beispiel sollten Gesetze in Leichter Sprache erklärt werden. Besonders begrüßte Dittrich deshalb, dass der EN-Kreis und insbesondere das Jobcenter EN in der Projektgruppe beteiligt war. Auch Lars Ehm, Leiter der Gruppe Inklusion von Menschen mit Behinderungen beim Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales von NRW, betonte in seinem Grußwort, wie wichtig es sei, dass Menschen mit Behinderungen ihr Leben selbstbestimmt und ohne Bevormundung gestalten können. Barrierefreiheit sei für ca. 10 % unserer Bevölkerung wichtig, und das nicht nur auf barrierefreie Wege für Menschen mit Rollstuhl bezogen: „Auch schwierige Texte können eine Barriere sein“, so Ehm. Mit dem Modellprojekt Briefe vom Amt verstehen ist ein Anfang gemacht. „Es gibt keine Ausflucht mehr“, so Norbert Killewald von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW. „Es kann nicht jeder einfach sagen, es geht nicht. Die Wohlfahrtspflege kriegt das Geld für solche Projekte, wir geben das Geld dafür“, appelliert Killewald an die Vertreterinnen und Vertreter aus den verschiedenen Ämtern und bittet in seinem Grußwort abschließend darum, dass die Kommunen das Projekt weiter fortführen.

Erfahrungen des Projekts „Übersetzung von Verwaltungsakten in Leichte Sprache“

Die Ergebnisse des Modellprojekts wurden in Form von Gesprächsrunden auf der Bühne präsentiert. Hierzu wurden in der ersten Gesprächsrunde Verantwortliche aus den am Projekt beteiligten Kommunen und dem EN-Kreis nach ihrer Einschätzung des Projekts befragt. Bei den Verantwortlichen ist man sich schnell einig, positive Erfahrungen gemacht zu haben und dass es mit Projektende nicht getan ist, man will weitermachen, es gibt viel zu tun, man will andere Fachbereiche und Sachgebiete anstecken. Melanie Struck von der Stadt Paderborn: „Die Mitarbeitenden haben Blut geleckt, es laufen Fortbildungen im Haus, die haben gemerkt, das ist toll, davon wollen wir mehr.“ Bei der Stadt Bochum wurden beim Bildungspaket laut Ulrike Salomon-Faust seit Februar bereits 170 Anträge in Leichter Sprache bearbeitet. Auf die Frage nach den Stolpersteinen antwortet Astrid Hinterthür vom Ennepe-Ruhr-Kreis: „Besonders kompliziert mit der Übersetzung in Leichte Sprache ist es im Jobcenter. Hier sind die Anträge nicht nur sehr lang, es gibt auch besonders lange Wörter, Wörter wie Rechtsbehelfsbelehrung.“ Hier gelte es einen guten Mittelweg und Kompromiss zu finden. Deshalb wünscht sich auch der EN Kreis am liebsten ein Wörterbuch für Leichte Sprache. In einer zweiten Gesprächsrunde berichteten einige Experten aus der Expertengruppe, die aus einer Gruppe von Menschen mit Lernschwierigkeiten in dem Projekt gegründet wurde, die eigentlichen Experten für Leichte Sprache. Zuletzt berichteten einige am Projekt beteiligten Mitarbeitenden der Ämter von ihren Erfahrungen aus dem Projekt.

Fazit der am Modellprojekt beteiligten Experten von der Experten-Gruppe und Mitarbeitenden von den Ämtern

Man ist sich auch in dieser Gruppe einig: Das dreijährige Projekt war für alle Beteiligten sehr fruchtbar und es soll unbedingt weitergehen. Für die Teilnehmenden aus den Ämtern war es sehr aufschlussreich, ihre Texte aus Sicht der Menschen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten zu betrachten und zu überdenken, die Probleme mit Amtsbriefen für Menschen mit Behinderungen überhaupt zu verstehen. „Ich hatte es mir viel einfacher vorgestellt am Anfang, eine meisterbare Sache dachte ich, nun ja, aber nicht nur Rechtsbehelfsbelehrung ist schwierig. Mir war vorher gar nicht bewusst, wie gut ich es habe, die Sprachen wirklich zu verstehen! Das Projekt hat meinen Horizont erweitert“, berichtet Sabine Schoen vom Jobcenter. „Wir werden all das, was wir in unserer Arbeitsgruppe gemacht haben, mitnehmen, unsere Kolleginnen und Kollegen weiter sensibilisieren, fortbilden und weiterschulen. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, mindestens einen Bescheid pro Jahr in Leichte Sprache zu übersetzen“, so Schoen auf die Frage wie es im Jobcenter EN weitergehen wird. Alexander Stehl, Jurist, seinerzeit für das Jobcenter EN am Projekt beteiligt, weist auch aus Sicht des Juristen auf die Schwierigkeiten hin: „Wir schaffen bestimmt viel, aber man merkt oft, dass es vielleicht nicht ganz so leicht und nicht alles komplett ersetzbar ist. Ein Bescheid vom Jobcenter ist nicht unter 10 bis 12 Seiten lang. Der Umfang ist anfangs erschlagend und wir mussten in der Projektgruppe sehr diszipliniert daran sitzen. Das Feedback aus der Experten-Gruppe war an dieser Stelle sehr hilfreich. Gerade als Jurist ist man natürlich mit der schwierigen Sprache beschäftigt. Sich drauf einlassen ist das Eine, aber wird der Bescheid in Leichter Sprache auch vor Gericht anerkannt? Fest steht, dass die Menschen auch verstehen müssen, was ich ihnen sage. Besinnen wir uns auf die Aufgaben in der Sozialverwaltung, wie u.a. das Beraten, müssen wir auch alle Menschen erreichen.“ Für die Expertengruppe der Menschen mit Behinderungen war es im Gegenzug spannend festzustellen, dass die Leute vom Amt „ja auch nur Menschen sind“, wie Stefan Müller betont. Müller hat besonders „die Begegnung auf Augenhöhe“ bei der Projektarbeit geschätzt: „Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch und wir wollen uns verständigen“, so Müller weiter. Für Müller müssen ganz viele von dem Projekt erfahren, dass es das gibt, es muss weitergehen und das Thema muss zur Chefsache gemacht werden, damit noch mehr Menschen da mitmachen. „Paar Tore haben wir geschossen, doch nach dem Spiel ist vor dem Spiel, es gibt noch ganz viel zu tun“ resümiert Müller.

Fachvorträge zum Thema Barrierefreie Kommunikation

Im zweiten Teil des Fachtages gab es u.a. drei Vorträge zum Thema Barrierefreie Kommunikation: Frau Dr. Susanne Dirks von der TU Dortmund sprach über Barrierefreie Internetseiten und was zu beachten für die Zielgruppe Menschen mit Lernschwierigkeiten ist. Der zweite Vortrag ging um Kommunikation mit Gehörlosen: Beratung und Briefe vom Amt: was ist wichtig für gehörlose Menschen? Herr Gabriel Nistor von der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) DeafGuideDeaf in Köln, der selbst gehörlos ist und gehörlose Menschen berät, berichtete darüber, was wichtig für gehörlose Menschen ist, damit sie alles verstehen. Frau Monika Terbeck, Leiterin der Beratungsstelle für gehörlose Menschen vom EN-Kreis in Witten, erklärt in ihrem Vortrag, ob Leichte Sprache gehörlosen Menschen hilft und was der Unterschied zu einfacher Sprache ist. Den letzten Vortrag hielt Annika Nietzio, Leiterin des Büros für Leichte Sprache in Volmarstein, über Leichte Sprache beim Amt – Was geht gut? Was geht nicht? Sie berichtete über die Erfahrungen vom Modellprojekt und gab Tipps aus dem Projekt.

Zum Hintergrund und Aufbau des Modellprojekts „Briefe vom Amt verstehen“

Das Modellprojekt Briefe vom Amt in Leichte Sprache übersetzen wurde von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, die zur Evangelische Stiftung Volmarstein gehört, finanziert und startete im November 2015. Im Januar 2019 geht es zu Ende. Es handelt sich um ein Projekt des Büros für Leichte Sprache Volmarstein und des Büros für Leichte Sprache Ruhrgebiet. Teilgenommen am Modellprojekt hat - neben zwei weiteren Kommunen (Bochum und Paderborn) - auch der Ennepe-Ruhr-Kreis. Mit dabei waren Mitarbeitende aus dem Fachbereich Jobcenter EN und dem Fachbereich Soziales und Gesundheit, zu dem auch der Bereich Inklusion gehört.

Es gab fünf thematische Schwerpunkte. Die Themen wurden aufgeteilt und es wurden fünf Arbeitsgruppen gebildet, die sich alle zwei Monate trafen: 1. Fahrdienst für das Sozialamt der Stadt Bochum und des Ennepe-Ruhr-Kreises, 2. Bildung und Teilhabe für das Jugendamt der Stadt Bochum, 3. Hilfe bei der Arbeitssuche und Hilfe mit Arbeitslosengeld II vom Jobcenter EN, 4. Eingliederungshilfe für das Sozialamt vom Ennepe-Ruhr-Kreis, 5. Wohngeld für das Sozialamt Bochum. Zu jeder Arbeitsgruppe gehörten Übersetzerinnen und Übersetzer für Leichte Sprache, Mitarbeitende vom Amt, Juristen und Experten für Leichte Sprache, Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die Ergebnisse des Projekts wurden auf dem Fachtag Leichte Sprache Mitte November vorgestellt.

Weiterführende Links:

Agentur Barrierefrei NRW

Büro für Leichte Sprache Volmarstein

Gehörlosenberatung Ennepe-Ruhr-Kreis